Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

25. August 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: Buchbesprechung

„Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist? […] Jeder Schüler kann in der Physikstunde durch Versuche nachprüfen, ob eine wissenschaftliche Hypothese stimmt. Der Mensch aber lebt nur ein Leben, er hat keine Möglichkeit, die Richtigkeit der Hypothese in einem Versuch zu beweisen.“

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Inhalt

Tomas ist ein hervorragender Gehirnchirurg in einem Prager Krankenhaus. Er hat sich nach zwei Jahren Ehe von seiner Frau getrennt und zahlt für das gemeinsame Kind regelmäßig Unterhalt. „Er hatte damals begriffen, dass er nicht dazu geboren war, an der Seite welcher Frau auch immer zu leben, und dass er nur als Junggeselle ganz er selber sein konnte.“ Für ihn hat Sex nichts mit Liebe zu tun. Er genießt seine Freiheit und den unverbindlichen Sex mit vielen Frauen.

1965 reist Tomas wegen eines komplizierten Falls in eine Kleinstadt, 200 km von Prag entfernt, als Vertretung seines Chefarztes. Dort sieht er in einem Hallenbad Theresa, für die er sich sofort interessiert. Sie ist eine Bedienung in einer Bar und wird schnell auf Tomas aufmerksam, der sich mit einem Buch an einem Bar-Tisch gesetzt hat. Da es in der kleinen Stadt nicht viele Menschen gibt, die lesen und sie selbst gerade „Karenina“ liest freut sie sich endlich einen Gesprächspartner zu haben, mit dem sie über intellektuelle Dinge reden kann. Nach einer Stunde bricht Tomas schon auf. Teresa verabschiedet sich traurig von ihm und kehrt wieder in ihr unbefriedigtes Leben zurück.

Nach zehn Tagen steht sie erkältet vor Tomas‘ Tür, der sich die nächsten Tage um sie kümmert. Tomas setzt mit ihr zunächst seine Reihe von One-Night-Stands fort. Eine Woche später reist sie wieder ab und Tomas überlegt, ob es die richtige Entscheidung wäre ihr nachzureisen.

Teresa nimmt die Entscheidung für Tomas ab und ruft ihn im Krankenhaus an. Nach einem Treffen und einer weiteren Nacht, stellt er überraschend fest, dass er zum ersten Mal neben einer Frau wieder aufwacht. Als „Don Juan“ ist ihm das sonst eine wichtige Regel, um die Distanz zu den Frauen zu wahren. Trotz es mit Teresa ernster zu werden scheint, pflegt er weiterhin die sexuellen Beziehungen zu der Malerin Sabina, die sich gegenseitig in ihrer Freiheit respektieren.

Tomas bittet Sabina für Teresa einen Job in Prag zu besorgen. Sie fängt zunächst in einem Fotolabor an und arbeitet sich schnell zur Pressefotografin hoch.

Tomas interessiert sich eigentlich nicht weiter für Politik, denkt aber über das Verbrecherregime der Stalinisten nach. Er denkt zwar, dass diese ahnungslos waren, aber nicht unschuldig. Er vergleicht dies mit Ödipus, der sich aus Schuld selbst die Augen ausstach, nachdem er erkannt hatte, dass er unwissentlich mit seiner Mutter geschlafen und seinen Vater umgebracht hatte. Die Stalinisten aber verspüren keine Schuld und leben weiter, als sei nichts gewesen. „Die Moral hat sich geändert seit Ödipus“, bedauert Tomas. Seine Gedanken fasst er in einem Leserbrief zusammen, der tatsächlich abgedruckt wird.

Nach einiger Zeit heiraten Tomas und Teresa. Sie träumt davon, wie sie zusehen muss, wenn Tomas mit Sabina Sex hat. In einer Nacht schreckt sie plötzlich auf und bricht vor Tomas emotional zusammen. Sie klagt über ihre Eifersucht und dass sie es nicht ertragen könne, wenn er sich mit anderen Frauen trifft oder gar mit ihnen Sex hat. Sie fleht Tomas an: „Nimm mich zu ihnen mit. Zu den anderen Frauen. Ich werde sie für dich ausziehen und baden.“ Tomas erklärt, dass der Sex mit den Frauen nur ein sportliches Vergnügen ist, vergleichbar mit Fußball.

1968 marschieren die Mitglieder des Warschauer Pakts ein, um den „Prager Frühling zu beenden.“ Teresa fotografiert das Geschehen und steckt die Filme einen ausländischen Korrespondenten zu, damit dieser die Bilder veröffentlicht.

Sabina wandert nach Genf aus und pflegt dort ein Verhältnis mit dem Universitätsdozenten Franz, der sie auf seine Vortragsreisen mitnimmt. Franz ist verheiratet und beendet dann aber seine Ehe auf Grund moralischer Bedenken, um ganz mit Sabina zusammen zu sein. Sabina sieht sich in ihrer Freiheit damit eingeengt und verlässt Franz daraufhin. Sie reist weiter nach Paris und später Amerika.

Teresa hält diese Leichtigkeit des Lebens von Tomas nicht mehr aus und schreibt ihm einen Abschiedsbrief: „Für dich ist das Leben so leicht, für mich so schwer. Ich gehe wieder zurück in das Land der Schwachen.“ Gemeinsam mit ihrer Hündin Karenina reist sie zurück nach Prag. Tomas genießt seine neu gewonnene Freiheit kurzzeitlich, folgt ihr aber dann. Bei der Einreise in die Tschechoslowakei wird ihm sein Pass abgenommen. Sein früheres Krankenhaus stellt ihn zunächst wieder ein, doch sein Chef verlangt, dass er sich von seinen früheren Leserbrief über Ödipus distanziert. Tomas sein Stolz lässt ihn den Widerruf verweigern und seinen Job verlieren. Er beginnt zunächst in einem anderen Krankenhaus als normaler Arzt zu arbeiten, verliert aber dann auf Grund der nicht unterschriebenen Distanzierung auch diesen Beruf und beginnt Fenster zu putzen.

Teresa verdient sich als Bardame etwas Geld hinzu. Eines Tages wird sie von einem sechszehnjährigen Jungen angemacht. Er bestellt Cognac obwohl der Ausschank an Minderjährige verboten ist. Sie gießt ihm lediglich Limonade ein. Ein anderer Gast behauptet jedoch, sie hätte ihm auch Alkohol beigefügt. Ein Dritter mischt sich ein und unterstützt Teresa. Zunächst aus Dankbarkeit und später um ihre Eifersucht abzutöten gibt sie sich diesem Helfer hin. Doch sie wird misstrauisch und glaubt Tomas habe ihn geschickt, um sie zu testen.

Noch immer kann Teresa nicht mit ihrer Eifersucht leben und überredet Tomas mit ihr aufs Land zu ziehen. Sie verkaufen ihr Hab und Gut und erwerben sich dafür ein kleines Haus mit Garten. Er fährt Lastwagen und sie hütet mit ihrem Hund Karenin die Kühe.

Teresa überlegt ob sie Karenin besser liebt als Tomas. Ihre Liebe zu dem Hund ist selbstlos, frei von Erwartungen und Eifersucht. Sie liebt ihn so wie er ist. Als er zu hinken beginnt und die Ärzte feststellen, dass er an Krebs leidet, lässt ihn Tomas einschläfern.

Tomas renkt einem Knecht die Schulter wieder ein und geht zur Feier des Tages mit Teresa und den anderen vom Dorf in die nächste Stadt feiern. Auf dem Rückweg kommen sie von der nassen Straße ab und ihre Bremsen versagen. Beide sterben.

Geschichtliche Einordnung

Das Werk „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ beginnt in der Mitte der 60er und spielt in Prag. Am 5. Januar wird Alexander Dubcek zum Parteichef der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei gewählt. Mit einem umfangreichen Reformprogramm strebt er im Frühjahr 1968 die Liberalisierung und Demokratisierung seines Landes an. Die Zensur wird aufgehoben und Gewerkschaften und Kulturorganisationen erhalten mehr Autonomie. Dubcek propagiert den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und will zeigen, dass individuelle Freiheiten auch im Kommunismus möglich sind. In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 rücken Truppen von fünf Warschauer Pakt Staaten in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR) ein. Somit werden die als „Prager Frühling“ bezeichneten Reformversuche gewaltsam beendet. Alexander Dubcek wird mit dem gesamten Politbüro verhaftet und in die Sowjetunion gebracht. Diese müssen im „Moskauer Protokoll“ die Rücknahme der eingeleiteten Reformen versprechen. Dubcek wird dann im April 1969 zugunsten eines moskautreuen Nachfolgers abgesetzt.

Visual Story

Bewertung

Milan Kundera verknüpft in seinem Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ geschickt die reale Geschichte seines Landes um den Prager Frühling mit einer fiktiven Lebensgeschichte. Er mischt dramatische Schilderungen mit eigenen psychologischen und philosophischen Überlegungen. Die Erzählweise wechselt dadurch zwischen einem auktorialen und personalen Erzähler.

Im Mittelpunkt steht die unglückliche Liebe zwischen Tomas und Teresa. Sie verlässt bereitwillig ihr unbefriedigendes Leben in einer Kleinstadt und kommt für ihre große Liebe in die Großstadt nach Prag. Er liebt seine Freiheit und die Frauen. Permanent stellt sie Bedingungen an Tomas und hat den großen Wunsch ihn zu ändern. Sie möchte ihn ganz für sich allein haben und mit keinen anderen Frauen teilen. Dieser Konflikt fragt nach der Bedeutung von Treue gegenüber Freiheit in einer Beziehung. Ist man bereit für eine Beziehung einen Teil seiner persönlichen Freiheit zu opfern? Und wie weit sollte diese Einschränkung gehen? Kundera regt durch seine eigenen Gedanken innerhalb des Romans den Leser selbst zum nachdenken über Beziehungen an.

Die Probe des Lebens ist das Leben selbst. Für einen Menschen gibt es keine Möglichkeit eine Entscheidung zunächst zu testen oder zu beweisen welche die Richtige ist. „Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar zum ersten Mal und ohne Vorbereitung.“ Diese Sichtweise enthält eine unglaubliche Befreiung in sich. Denn es ist egal, welche Entscheidung wir treffen, es gibt keine Möglichkeit zu beweisen, dass die andere Entscheidung besser gewesen wäre. Die Schlussfolgerung daraus könnte sein, dass wir die Last der „was wäre wenn?“-Frage von uns legen können und mit einer Leichtigkeit jede Entscheidung unseres Lebens akzeptieren.

Während Tomas es gelernt hat mit dieser Leichtigkeit durchs Leben zu gehen, stellt sich Teresa immer wieder die Frage, wie ihr Leben anders aussehen könnte. Sie ist auf steter Suche nach Anerkennung und Liebe durch Tomas. Erst als sie ihn für ein Leben auf dem Lande überreden konnte, erkennt sie, dass die Liebe zu ihren Hund womöglich eine bessere ist, da sie ihn so liebt wie er ist. Sie stellt fest mit dieser Liebe glücklicher zu sein, da sie somit auch nie enttäuscht werden kann. Nicht zuletzt durch derartige Erkenntnisse erzielte Kundera mit seinem Buch einen Welterfolg. So schafft es das Werk zu einer praktischen Hilfestellung für eine Beziehung zu werden. Es zeigt, wie man sich unglücklich machen kann: Hohe Erwartungen, Aufopferung für den anderen, Wunsch den Partner zu verändern, ärgern über Entscheidungen. Kundera hat mit Teresa und Tomas die Schwere und Leichtigkeit des Lebens personifiziert. Er fragt sich nun welcher Weg der Richtige ist, gibt aber auch keine Lösung auf diese Frage.

Mit einer fast schon depressiven Haltung beschreibt Kundera das Problem einer jeden Beziehung, in der zwei erwachsene Menschen aufeinander treffen: „Solange die Menschen noch jung sind und die Partitur ihres Lebens erst bei den ersten Takten angelangt ist, können sie gemeinsam komponieren und Motive austauschen (…) Begegnen sie sich aber, wenn sie schon älter sind, ist die Komposition mehr oder weniger vollendet, und jedes Wort, jeder Gegenstand bedeutet in der Komposition des einzelnen etwas anderes.“

Die historischen Geschehnisse im Land zwingt das Paar zu Entscheidungen, die Einfluss auf die Entwicklung haben, aber weniger auf die Konsequenz. Kundera berichtet vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, vom Ende des Prager Frühlings und von der Wiederkehr eines stalinistischen Regimes. Er tut dies wertungsfrei und bleibt wie sein Hauptakteur Tomas unpolitisch. Selbst als diesem Aufgrund seines Ödipus-Vergleichs seine komplette Karriere zerstört wird, beklagt er sich nicht über seinen niederen Job als Fensterputzer.

Mit den verkopften Betrachtungen über Leben und Liebe unterbricht Kundera stets den dramaturgischen Fortgang der Geschichte. Ein Hineinversetzen in die Lebensgeschichte der Hauptakteure fiel mir sehr schwer, da ich ständig zum Mitdenken und Philosophieren angeregt wurde. Ich habe nach Beweisen und Widersprüchen in meinen eigenen Beziehungen oder die von Freunden gesucht und habe mich so stets vom eigentlichen Lesen abgehalten. Das Buch regte mich zum Nachdenken und Diskutieren an und wird somit von mir als lesenswert bewertet.

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