Kollektive Intelligenz

4. Oktober 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: Webtrends

Die kollektive Intelligenz, auch Schwarmintelligenz genannt, ist eine Philosophie nach der eine Menge von Individuen gemeinsam zielgerichtet handelt. Mehrere Menschen zusammen sind intelligenter als jeder Mensch einzeln für sich. Nach dieser Theorie sind viele Web 2.0 Applikationen aufgebaut. Es wird eine Plattform zur Verfügung gestellt und Nutzer entwickeln diese aktiv mit ihren Wissen weiter und fügen Informationen sowie mediale Inhalte hinzu.

Nach dem Web 2.0-Pionier Tim O‘Reilly wird es kollektive Intelligenz in Zukunft auch verstärkter in passiver Form geben. Als Beispiel bringt er an, dass wenn ein Foto erstellt wird, werden zusammen mit den Bildinformationen, über ein im Fotoapparat eingebautes GPS, gleichzeitig Informationen über den Ort gespeichert. Wird das Bild bei der Online-Fotoplattform Flickr eingestellt, kann es über diese Information semantisch mit anderen Bildern verknüpft werden. Zum Beispiel arbeitet Microsoft an der Software „Photosynth“ mit der aus digitalen Fotos 3D-Modelle erstellt werden. Dabei soll ein dreidimensionales Abbild unserer Welt entstehen, ohne das ein Mensch selbst diese Fotos zusammen setzt, sondern mit semantischen Verknüpfungen, hier auch „Tags“ genannt.

O‘Reilly glaubt, dass die Spracherkennung eine „Schlüsseltechnologie“ für das vernetzte „Weltwissen“ sei. Viele Informationsabfragen sind noch zu mühselig. Gerade unterwegs wird häufig darauf verzichtet aufkommende Fragen über die Handytastatur zu googlen. Werden erst einmal Abfragen und Antworten über die Sprache möglich, können die Menschen ihr Wissen zu jeder Zeit von jedem Ort aus miteinander teilen. Das gesamte Wissen der Menschheit könnte so jederzeit zugänglich sein.

Das diese noch utopische Vorstellung Realität werden könnte, bestätigt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge, einer Firma für natürlich-sprachliche Dialogsysteme: „Die fehlenden Bausteine dafür seien jetzt schon verfügbar, so dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die Menschen weltweit an dieses neue Interface gewöhnt haben.“

Die Geschichte von Wikipedia

Das die Menschen bereit sind ihr Wissen zu teilen und zu vernetzen, soll das Beispiel der weltweiten Wissensplattform Wikipedia zeigen. Mehr als 10.000 Menschen schreiben hier weltweit regelmäßig Einträge für die Online-Enzyklopädie. Nachdem im Jahr 2000 die Blase um das kommerzielle Internet zunächst platzte, entschied sich Jimmy Wales zusammen mit seinem Angestellten Larry Sanger für eine kostenlose Onlinevariante einer Enzyklopädie, die von jedem mit geschrieben werden kann. Der Begriff „Wikipedia“ ist dabei eine Verschmelzung der Worte „Encyclopedia“ und „Wiki“, dem hawaiischen Wort für „schnell“.

Ursprünglich wollten Wales und Sanger mit dem Projekt Nupedia eine Online-Enzyklopädie schaffen, die mit Artikeln von einem kleinen Kreis von Fachautoren gespeist werden sollte. Jeder Artikel wurde dabei einer ausführlichen Prüfung unterworfen. Dadurch entwickelte sich das Projekt entsprechend langsam. Ende 2000 wurden Wales und Sanger dann auf die WikiWiki Software aufmerksam, die von dem amerikanischen Software-Entwickler Ward Cunningham 1995 das erste mal veröffentlicht wurde. Mehr als Spaßprojekt gedacht, ging am 10. Januar 2001 dann innerhalb des Nupedia Projekt ein Wiki online und war fünf Tage später unter der eigenen Adresse wikipedia.com zu erreichen. Dieses Wiki sollte dabei der gemeinsamen Erstellung von Artikeln dienen, die dann später den normalen Kontrollprozess im Nupedia durchlaufen sollten. Die weitere Entwicklung verlief, wie es der Begriff „wikiwiki“ schon sagt, sehr schnell.

Zwei Monate nach der Gründung waren bereits über 2.000 Seiten online, ein Jahr später wurde der 20.000ste Artikel gefeiert und Nupedia langsam eingestellt. Parallel dazu entstanden nach und nach eigene Sprachversionen der Enzyklopädie. Hinter Wikipedia steckt keine feste Redaktion, kein Verlag, kein hohes Budget, keinerlei Werbung und es werden keine Benutzergebühren verlangt. Lediglich der Antrieb der Menschen ihr kollektives Wissen zur Verfügung zu stellen, hat bis heute acht Millionen Artikel, davon 620.000 in deutscher Sprache, entstehen lassen. Mittlerweile existiert Wikipedia in 250 Sprachen und zählt zu den Top10-Webseiten weltweit neben Google, YouTube, MySpace und Yahoo!.

Im Spiegel Special „Wir sind das Netz“ berichtete Wales: „Ich weiß selbst nicht, ob ich damals die dümmste oder die klügste Entscheidung meines Lebens getroffen habe.“ Das Projekt lebt lediglich von Spenden und ist als Stiftung organisiert. Das kollektive Wissen der Menschheit, aktuell, archiviert und für jeden barrierefrei und kostenlos zugänglich. Kritiker bemängeln an dem Projekt die Fehleranfälligkeit, die entsteht, weil eben jeder mit schreiben kann. Im Gegensatz dazu wird die Encyclopædia Britannica mehrmals von einer bezahlten Redaktion auf Fehler geprüft, bevor sie zum Druck freigegeben wird. Sie beansprucht ebenso das menschliche Wissen in möglichst großer Vollständigkeit für sich („The Sum of Human Knowledge“) und wird von zirka 4.000 Experten und Gelehrten geschrieben. In den 32 gedruckten Bänden befinden sich 75.000 Artikel, die zusammen für 1.400 US-Dollar erworben werden können.

2005 führte das Wissenschaftsmagazin „Nature“ einen Vergleichstest an Hand von 42 wissenschaftlichen Artikeln durch. 162 Fehler wurden dabei im Wikipedia gefunden, 123 in der Encyclopædia Britannica. Unter den Online-Autoren hat sich ein eigener Kontrollmechanismus entwickelt. Wenn Menschen von einer Idee begeistert und überzeugt werden können kann es diesem Beispiel zu folge passieren, dass sie einfach Spaß und Lust daran haben, diese mitzugestalten und weiter zu entwickeln.

Doch das vorhandene Wissen im Internet ist viel umfangreicher als es Wikipedia allein jemals sein kann. Erstens gibt es, wie bereits erwähnt, von Wikipedia 250 Sprachvarianten, durch die es zu gleichen und ähnlichen Themen unterschiedliche Informationsangebote in verschiedenen Sprachen gibt und zweitens gibt es noch Millionen andere Webseiten auf den Wissen in Form von Text, Videos und Audio gespeichert ist. Dies alles zu erfassen, auszuwerten und semantisch zu verknüpfen wird eine Aufgabe in der Zukunft sein und könnte, laut einigen Forschern der Weg zum Web 3.0 sein. Mit der weiteren Verbesserung von Übersetzungssoftware könnten auch Sprachbarrieren überwunden werden, wie es bereits das fiktionale Wesen Babelfisch vormacht. Mit zunehmender Mobilität des Internets (UMTS, Handy Flatrates) könnte das vernetzte Weltwissen in Zukunft also zu jeder Zeit, von jedem Ort für jeden frei zugänglich sein.


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