Live-Making-of: Hallam Foe
28. August 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: Film 2.0In dem britischen Drama spioniert der Junge Hallam Foe, gespielt von Jamie Bell („Billy Eliot“) anderen Menschen nach. Der Regisseur stellte das Drehbuch öffentlich ins Internet und lud die Blogosphäre ein Meinungen über das Drehbuch auszutauschen und es gemeinsam zu bearbeiten. Mit dem anschließenden Produktionsblog sollte die Zielgruppe an den Film während des Entstehungsprozesses gebunden werden – intensiver als mit klassischen Werbeanzeigen. Im Oktober 2006 wurden 20 Blogger zu einem exklusiven Testscreening des Films eingeladen und hatten die Möglichkeit den Regisseur David MacKenzie selbst zu treffen. „We don’t know what will come out of it. You just have a feeling that if you connect with people they‘ll connect back. […] This was the start of a conversation.“, so Hugh MacLeod, der Blogautor von gapingvoid und Freund von MacKenzie.
Kernelemente der Vermarktung
- Open-Source Script
- Live-Making-of, Produktionsblog von Colin Kennedy, einem Assistenten vom Regisseur David Mackenzie
- Testscreening für ausgewählte Blogger
- Projektaccount bei MySpace
- 4 Making-of Podcasts
- Charakteraccounts von Hallam Foe, Kate Breck, Verity Foe bei MySpace
- Projektaccount im Freundenetzwerk Facebook
Verlauf
Der Blogautor von gapingvoid.com Hugh MacLeod und der Regisseur David MacKenzie haben sich vor dem Drehbeginn Gedanken über die Probleme der Filmbranche gemacht:
„The trouble with film critics, amateur or professional is by the time they offer any useful criticism, it’s too late. The money has already been spent, the film is in the can, and there’s nothing I can do to realistically address their concerns.“
Wenn ein Film einmal gedreht ist, ist es zu spät auf etwaige negative Kritiken einzugehen. Also fragten sie sich, ob man die Zuschauer nicht schon eher in den Filmentstehungsprozess mit einbinden sollte. Sie veröffentlichten das Drehbuch im Internet mit der Bitte an die Leser 15 Seiten des Drehbuchs zu kürzen. In 39 anschließenden Kommentaren wurde sich begeistert über diese Idee unterhalten und erste Vorschläge geschrieben. Es war gleichzeitig der Anstoß Blogs als Kommunikationsinstrument während der Entstehung des Films zu nutzen. „We have been able to engage an audience far earlier in the process than would happen with traditional media, where the audience is targeted in the last few weeks prior to the release.“, so Hugh MacLeod, der bei dem Aufbau des „Hallam Foe“ Blogs mit geholfen hat. Seit Februar 2006 wird auf dieser Seite die komplette Entstehung hinter der Kamera begleitet und die Besucher werden mit regelmäßigen Foto- und Videomaterial versorgt.
Mit einem Testscreening haben sie ausgewählten Bloggern die Möglichkeit gegeben, einen exklusiven ersten Blick auf den Rohschnitt und später noch mal auf die finale Version zu werfen. Die Meinungen waren durchweg positiv. Und auch, obwohl die Blogger nicht gezwungen wurden, über den Film zu schreiben, sind sie hier in die Rolle von Kennern, Insidern, ja sogar VIPs gehoben wurden. Sie kannten den Film, bevor jeder andere Zuschauer. Da der Film anscheinend den Geschmack traf, schrieben rund 200 Blogger über ihre Begeisterung zum Film und empfahlen ihn ihren Lesern mit großer Begeisterung weiter. Gia Milinovich schrieb auf ihrem Blog: „Please. Please please please please. PLEEEEEAAASE go see Hallam Foe in the cinema.“
Der Film fand auch Einzug in die Social Networks wie MySpace und Facebook. Hier wurden Zuschauer des Films extra mit der Frage „Have you seen Hallam Foe?“ dazu angehalten, über ihre Meinung zum Film zu schreiben, die dann für alle anderen ebenso offen zugänglich ist. Zusätzlich wurden für die Hauptcharaktere ebenso ein Account bei MySpace eingerichtet.
Ergebnisse
Einen viralen Werbeeffekt konnte die offene Kommunikation rund um „Hallam Foe“ nicht auslösen. Colin Kennedy sieht ebenso das Experiment des Open-Source Drehbuches nicht als Erfolg: „But I don’t think in this instance it was a particularly successful experiment.“ Die Beteiligung war sehr gering, aber dennoch fanden die Blogger die Möglichkeit sehr spannend schon im Vorfeld den Film zu sehen und ihn in der Entwicklung zu begleiten. So schrieb die Bloggerin Sarah Blow in ihrem Online-Tagebuch: „I got to see it from script to first screening, and it has been a journey. I have to say that I really enjoyed reading the script and I read the whole lot in an evening. I loved it.
Das Blog getyourpeople.com gelangt weltweit unter den 50.000 best-verlinkten Blogs mit 445 Links von anderen Blogs, die sich auf die Inhalte beziehen.
Der MySpace Account von Hallam Foe selbst konnte bis zum 3. September 2007 696 Freunde erreichen und 153 Kommentare. Die anderen Charaktere, Kate Breck und Verity Foe, blieben bei den Online-Freunden und Kommentaren im maximal zweistelligen Bereich. Bei Facebook besitzt die „Hallam Foe“ Gruppe 389 Mitglieder und 79 Einträge mit Meinungen über den Film.
Auch wenn die Zahlen durchaus gering erscheinen, hat der Film in der Blogosphäre ein sehr positives Echo hinterlassen. Die exklusiv zum Testscreening eingeladenen Blogger haben den Film bereitwillig auf ihren Blogs gelobt.
Ähnliche Projekte: „King Kong“
Der Regisseur Peter Jackson hat für sein Remake von „King Kong“ während der gesamten Zeit ein Produktionstagebuch in Form von Videobeiträgen geführt. Die Webseite erzeugte eine große Aufmerksamkeit. Die tagliche Reichweite lag laut dem Statistikdienstdienst Alexa kurz vor dem Filmstart bei 200 Nutzern pro 1 Million Internet-Nutzern – was rund die Hälfte der Reichweite des Online Angebots der Süddeutschen Zeitung bedeutet. Als die Tagebücher als dreistündige DVD erschienen, wurden alle Videos wieder von der Webseite entfernt. Die Videos waren lediglich als Quicktime Dateien online und konnten so nicht weiterverbreitet werden. Zusätzlich bot die Webseite aber ein klassisches Diskussionsforum für Fans an, was mit 3.010 registrierten Benutzern und 194.802 Beiträgen (Stand: 4. September 2007) eine große Akzeptanz gefunden hat.
Ähnliche Projekte: „Sunshine“
In die Filmwebseite zu „Sunshine“ wird von Beginn der Produktion an ein Blog integriert. Bilder und Videos können an Freunde weitergeschickt und Beiträge kommentiert werden. Auf der Startseite befindet sich neben der klassischen Navigation auch eine Schlagwort-Wolke. 1.602 weitere Blogs verlinken auf den Sunshine Blog, womit er selbst zu den 4.000 best-verlinkten Blogs zählt. Auf der Webseite besteht eine rege Community, die jeden Blogeintrag zahlreich kommentiert.

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