Pierre Bourdieu

27. August 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: Portraits

* 1. August 1930 in Denguin, † 23. Januar 2002 in Paris

Der französische Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu zählt zu den international herausragenden Vertretern einer zeitgenössischen Sozialtheorie. Bekannt geworden ist vor allem sein großes Werk über die Sozialstruktur Frankreichs, „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“ (1979). Er beschäftigt sich mit dem Handwerk des Soziologen, mit seinen Methoden und mit seiner eigenen Stellung in der Gemeinde der Wissenschaftler und Intellektuellen. Bourdieu gilt als Vordenker einer wachsenden gesellschaftskritischen Bewegung und das Vorbild des engagierten Intellektuellen, der sich neben der Betätigung auf seinem eigenen Forschungsgebiet, für eine gerechtere Welt einsetzt, der Welt dem Raubbau an ihren natürlichen Ressourcen ein Ende setzt und die globale Bildungspolitik mitbestimmt. Wie nur wenige seiner KollegInnen hat sich Bourdieu immer wieder in das politische Tagesgeschehen eingemischt und Kritik geübt.

„Das Ignorieren der Wahrheit der Praxis als gelehrte Ignoranz liegt unzähligen
theoretischen Irrtümern zugrunde.“

Weitere Informationen zu Bourdieus Sozialtheorie
Pierre Bourdieu auf Wikipedia

Biografie

Aus einfachen Verhältnissen stammend, studierte Pierre Bourdieu Philosophie an der Elite Hochschule Ecole Normale Supérieure in Paris, erhielt 1954 die Zugangsberechtigung für die oberen Posten im Schuldienst und nahm eine Stelle als Gymnasiallehrer in Auvergne an. Mit seiner Einberufung zum Militärdienst 1955 wurde er nach Algerien in den Krieg geschickt. 1958-60 führte er in Algerien Feldforschungen zur Kultur der Berber durch und gab Unterricht an der Universität Algier im Fach Philosophie.

1960 kehrte er nach Frankreich zurück und unterrichte bis 1964 Soziologie an der Universität Lille. Parallel dazu betrieb er Studien über die arabische und berberische Sprache und hielt sich in seiner unterrichtsfreien Zeit in Algerien auf. Einige Werke Bourdieus beziehen sich teilweise auf die ethnologischen und soziologischen Forschungsergebnisse aus dieser Zeit. 1964 wechselte er an die École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) und publizierte mit dem Soziologen Jean-Claude Passeron das Werk „Illusion der Chancengleichheit“, wodurch er erstmals größere Aufmerksamkeit erlangte.

Ab 1981 hatte Bourdieu einen Lehrstuhl für Soziologie a Collége de France, eine der höchst angesehenen wissenschaftlichen Einrichtungen Frankreichs. In den 90ern unterstützte er verschiedene Bewegungen und Streiks und machte sich für eine Vernetzung der sozialen Bewegungen stark. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung in Frankreich – die Goldmedaille des nationalen Zentrums wissenschaftlicher Forschung.

Bourdieu war von 1962 bis 1983 mit Marie-Claire Brizard verheiratet und hatte drei Kinder. 2002 starb er an Krebs. 2005 wurde die Stiftung Pierre Bourdieu gegründet, an dessen Konzept er noch vor seinem Tod mitarbeitete. Die Stiftung fördert Fächer- und Länder übergreifende Debatten der verschiedenen Sozial- und Humanwissenschaften.

Bedeutende Werke

  • Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs (1964)
  • Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft (1972)
  • Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft (1979)
  • Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur (1992)
  • Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns (1994)

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