Social Communities

29. Oktober 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: Webtrends

„Möchtest du mein Freund sein? Ja oder Nein?“ Eine Frage, die so im realen Leben sicher keiner stellen würde. Im Internet ist eine derartige Formulierung gar nicht so ungewöhnlich. Hier werden Dienste angeboten, die eigenen sozialen Kontakte zu visualisieren, den Kontakt zu bestehenden Bekannten und Freunden aufrecht zu halten und neue Bekanntschaften zu schließen. Das Prinzip des Vernetzens und kommunikativen Austauschs mit einer Spur digitalem Exhibitionismus hat Einzug in das Internet gehalten.

Soziale Netzwerke bestehen ebenso in der Offline-Welt und das schon seit vielen Jahren. Die wohl klassischste Form eines Netzwerkes ist der Verein. Hier verbinden sich Menschen mit einem gemeinsamen Interesse oder einem gemeinsamen Ziel. In der Politik spricht man von einer Lobby, eine Interessengemeinschaft mit dem Ziel der Beeinflussung von Entscheidungsträgern in der Politik, gegenseitiger Unterstützung in der Exekutive, Legislative oder der Darstellung in den öffentlichen Medien. Aus England bekannt, sind die Gentlemen’s Clubs, einem elitären Zusammenschluss. Ebenso dubios wie mächtig sind die Studentenverbindungen, vor allem bekannt aus der USA, wo unter anderem George W. Bush nachgesagt wird, ohne den „Skulls & Bones“ niemals Präsident geworden zu sein.

Der amerikanische Psychologe Stanley Milgram geht davon aus, dass jeder Erdenmensch über sechs Ecken miteinander verbunden ist. Dazu hat er ein Experiment gestartet, in dem er Versuchspersonen einen Brief gegeben hat, die an eine Person mit unbekannter Empfängeradresse adressiert waren. Er bat die Versuchspersonen nun den Brief an einen Bekannten weiterzuschicken, von der sie glaubten, er stehe den Adressaten näher. Dieser sollte dann ebenso verfahren, bis der Brief schließlich seine Zielperson erreichte. Die Briefe benötigten im Durchschnitt sechs Stationen (Six degrees of seperation).

Visualisierung eines sozialen Netzwerkes

Mr. Foo ist in diesem Beispiel die Versuchsperson. Er ist „Mitglied“ im sozialen Netzwerk seiner Familie, hat einen Bekannten und einen Lebenspartner. Nur mit diesen Kontakten kennt er jede beliebige Person aus dem Sportverein XY oder der Firma XY über sechs Ecken. Dies zu wissen ist ungeheuer wichtig, denn um eine Botschaft in diese hier aufgezeigten fünf sozialen Netzwerke zu bringen, müsste nur Mr. Foo mit einem Virus infiziert werden. Natürlich funktioniert, dass auch mit jeder Person aus dem Sportverein, denn in dieser Abbildung, kennt wirklich jeder jeden über sechs Ecken in dem abgebildeten Netzwerk. Doch Mr. Foo hat zusammen mit dem Vermittler eine besondere Eigenschaft. Beide sind Konnektoren von Netzwerken. Sie benötigen zu vielen Personen im Netzwerk nur vier bis fünf Schritte und haben schon allein mit dem Weitergeben der Information an eine weitere Person ein weiteres soziales Netwerk erreicht. Für das virale Marketing ist es also unter anderem wichtig diese Konnektoren zu finden. Durch virtuelle soziale Netzwerke können genau diese Verbindungen aufgezeigt werden. Mit einem Profil kann sich eine Person auf solch einer Plattform darstellen, Daten über sich veröffentlichen und Interessen eintragen.

Klickt ein Nutzer zum Beispiel im Business Network Xing das Profil einer fremden Person an, wird an oberster Stelle „Ihre Verbindung zu […]“ dieser Person angezeigt. Die Qualität eines virtuellen sozialen Netzwerkes hängt also zu einem erheblichen Teil von der Masse an Nutzern ab. Dies ist ein entscheidendes Problem, mit dem alle Plattformen kämpfen. Theoretisch kann nur ein reales Abbild der Kontakte einer Person geschaffen werden, wenn alle Kontakte und die Kontaktes Kontakte bei ein und demselben Internetdienst angemeldet sind. Wird die Vielzahl an jetzt bereits bestehender Social Networks betrachtet und die Möglichkeit kostenlos bei Plattformen wie Ning, Wirsind oder cre8unity eigene Netzwerke zu erstellen, scheint dies unmöglich. Das Verbinden dieser sozialen Netzwerke durch Mashups wird jetzt die nächste Aufgabe im Internet darstellen. Erste Ansätze wurden bereits von Google mit dem „Friendconnect“ vorgestellt.

Strong- and weak ties

Verknüpft werden die Mitglieder innerhalb eines solchen virtuellen Netzwerkes auf mehreren Ebenen. Zum einen können direkte Kontakte (strong ties) geschlossen werden oder man findet sich in einer gemeinsamen Gruppe (Gemeinsame Interessen, Kurse, Firmen- und/oder Universitätszugehörigkeit, …) zusammen (weak ties). Die Macht der „weak ties“ ist dabei nicht zu verachten. Mark Granovetter beschreibt in seinem Buch „The strength of weak ties“, dass diese schwachen Bindungen hilfreicher als enge, zwischenmenschliche Beziehungen sein können. Christof Hintze, Gründer von mywhitelist.de bestätigt genau dies, in einem Blogeintrag mit dem selbigen Titel, wie Granovetters Buch am 7. August 2007. Für die Entwicklung seiner Plattform waren alle Argumente, Leidenschaft und Geld für seine „strong ties“ wirkungslos. Erst als er mywhitelist.de als Open-Source Software zur Verfügung stellte, lernte er seine „weak ties“ kennen, Leute die sich für die gleiche Idee interessieren und engagieren.

„Für mich die höchste Form an Produktivität, die ich bis heute miterleben durfte. Die aber Veränderungen mit sich bringt. Große Veränderungen. Das Geben. Das Teilen. Das Loslassen. Das Anpacken. Die Kommunikation . Das Arbeiten. Alles auf einer anderen Ebene. Es gibt keine Arbeitsbereiche, sondern Wirkungsfelder. Keiner ist festgelegt. Jeder kann sich an den Wirkungsfeldern beteiligen, an denen er sich beteiligen will. Er kann wechseln, wie und wann er will. Die Prioritäten ergeben sich anhand der Verdichtung von Energie. Die meisten spüren, was zu tun ist, als Nächstes, und was wichtig ist. Man muss es gar nicht sagen. Die Mitmacher denken mit. Somit war das schwerste für mich das Los- und Zulassen. Der Kontrollverlust über meine Idee. Ich habe es gewagt und zugelassen und es kommt viel mehr, viel besser und viel schneller voran. Demokratie nicht nur als Wort oder Vorwand, sondern wirklich konstruktiv gelebt.“

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