Studie zur Massenpanik

11. September 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: Buchbesprechung

Die hohe Authenzität des Radiohörspiels „Krieg der Welten“ von Orson Wells hatte etwa ein Sechstel seiner Hörer (Cantril, 1982, S. 15) so tief verunsichert, dass sie sich in Angst und Schrecken nach phaserschwingenden Marsianern umgesehen hatten oder gar in reine Panik verfallen waren. Der Wissenschaftler Hadley Cantril erarbeitete eine Studie der Massenpanik, die er 1940 veröffentlichte. Darin stellt er sich ganz bewusst in die Tradition der S-R-Theorie von der übermächtigen Medienwirkung.

Stimulus-Response-Modell

Das Stimulus-Response Modell besagt, dass Medieninhalte von allen Rezipienten gleich wahrgenommen werden und in der Folge nahezu identische Wirkungen auslösen. Das Modell gilt als Urvater der Medienwirkungsforschung. Es basiert auf den starken Wirkungen der „mächtigen Massenmedien“.

Grundlage

Maletzke definierte 1963 Wirkungen im weitesten Sinne als „sämtliche beim Menschen zu beobachtenden Verhaltens- und Erlebensprozesse, die darauf zurückzuführen sind, dass der Mensch Rezipient im Felde der Massenkommunikation ist“. (Maletzke 1963, S. 189). Danach sollen unter Wirkungen alle Prozesse in der postkommunikativen Phase verstanden werden, die als Resultate der Massenkommunikation ablaufen, des Weiteren alle Verhaltensweisen, die sich ergeben, wenn Menschen massenmedial vermittelte Inhalte aufnehmen. (Maletzke ebd., S. 190). Wirkungen manifestieren sich also im Verhalten, im Wissen, in Meinungen und Einstellungen, im emotionalen Bereich, in den Tiefensphären des Psychischen und in der Physis (Burkart 2002, S. 189).

Die Massenpanik und Hadley Cantrils Studie

In der Studie wurden 135 Personen interviewt, von 100 war bereits vor dem Interview bekannt, dass sie durch die Radiosendung in Panik geraten waren.

Die Studie wurde vom „Office of Radio Research“ unter der Leitung von Hadley Cantril durchgeführt. Neben der Befragung standen ihm ein Untersuching im Auftrag des Senders CBS, die eine Woche nach der Ausstrahlung des Hörspiels landesweit durchgeführt wurde sowie eine Umfrage des American Institute of Public Opinion (AIPO), die sechs Wochen nach dem Ereignis stattfand. Ebenfalls wurden auch die Hörherreaktionen während und nach der Sendung sowie die Berichterstattung berücksichtigt. Cantril schätzte, dass ca. sechs Millionen Amerikaner die Sendung gehört hatten und etwas ein Sechstel der Höreraschaft ängstliche oder panikartige Reaktionen zeigte.

12% der erwachsenen Bevölkerung hörten die Sendung, von diesen haben 28% das Hörspiel als realistische Nachrichtensendung missverstanden und von diesen wiederum sind 70% verängstigt oder verstört gewesen. Lediglich 2% der erwachsenen Bevölkerung wurde durch das Hörspiel tatsächlich in Angst und Schrecken versetzt. Zitate von Befragten: „Ich sah aus dem Fenster und es sah alles wie gewöhnlich aus. „Daher glaubte ich, dass sie (die Marsmenschen) unser Gebiert noch nicht erreicht hätten.“ „Wir sahen aus dem Fenster und die Wyoming-Straße war schwarz vor Autos. Ich nahm an, dass die Leute wegzukommen versuchen.“ „Ich hatte furchtbare Angst. Als dann der Ansager sagte: ‚Die Stadt wird evakuiert‘, rannte ich los.“ „Ich glaubte der Sendung sofort, als ich den Professor aus Princeton und die Offiziellen aus Washington hörte.“ -> weitere Zitate radiolab4b ab 1:00

Cantril unterteilte die Hörer in vier Gruppen:

  1. Hörer, die die innere Beweisführung des Hörspiels prüften und zu dem Schluß kamen, dass es sich um eine Fiktion handeln musste.
  2. Hörer, die die Sendung durch andere Informationsquellen prüften und so zu der Überzeugung kamen, dass es ein Hörspiel war.
  3. Hörer, die andere Informationsquellen prüften, sich aber in ihrer Annahme, es handle sich um eine reale Nachrichtensendung, bestätigt sahen.
  4. Hörer, die der Sendung ungefragt glaubten und entsprechend mit paralysierter Panik reagierten.

In seinem Versuch, diese Reaktionen zu erklären, unterstreicht Cantril ein weiteres Mal die Bedeutung des Mediums: „Keiner (…) kann leugnen, dass das Hörspiel in den ersten paar Minuten so realistisch war, dass es auch gut informierten Zuhörern als glaubhaft erschien. Die dramatische Qualität des Hörspiels darf nicht übersehen werden“ (Cantril, ebd., S. 17). Im weiteren Verlauf seiner Erklärung bezieht Cantril jedoch die Persönlichkeit der individuellen Hörer als wichtigste Variable ein und entfernt sich damit vom klassischen S-R-Modell, nach dem der angsterregende Stimulus des Hörspiels in allen Hörern Angst und Schrecken hätte hervorrufen müssen, nicht nur in einem Sechstel und auch dort in unterschiedlicher Ausprägung.

Sehr religiöse Menschen assozierten eine schicksalhafte und unausweichliche Entwicklung. Personen mit hoher Schuldbildung bezweifelten die Realität häufig. Fast jeder zweite Befragte mit niedrigen Abschluss glaubte Nachrichten zu hören, während nur etwa zehn Befragten mit einem College-Abschluss diese Einschätzung teilten.

Als Hauptgrund für die Ursache der Massenpanik nennt Cantrill die hohe dramatische Qualität des Hörspiels, als auch den Realismus der Darstellung. Radio hatte zur damaligen Zeit einen hohen Stellenwert im Unterhaltungs- und Informationswert besaß. Verbunden damit wurde ihm eine hohe Glaubwürdig zugesprochen. Die Glaubwürdigkeit wurde durch eine Vielzahl von fiktiven Experten untermauert. Ein Originalzitat besagte: „I believed the broadcast as soon as I head the professor from Princeton and the officials in Washington“. Weiterhin lässt sich als Grund die ökonomische Instabilität des Landes und die Angst for einem erneuten Krieg nennen. Entscheidend für die Fehlbeurteilung ist vor allem das verspätete Hinzuschalten.

Diejenigen, die die Sendung von Beginn an verfolgten stuften diese zu 80% als ein Hörspiel ein und zu 20% als Nachrichten. Für diejenigen, die erst im Laufe der Zeit zuschalteten, verteilte sich dies folgendermaßen: 63% stuften die Sendung als Nachrichten ein und nur 37% als Hörspiel.

Kritik

Kritik am Stimulus-Response-Modell

Transitivität
Jegliche Form von Kommunikation „zielt“ mit einer bestimmten Absicht auf den Rezipienten. Wird dieser „getroffen“, setzt er sich also dem Stimulus aus, wird der Kommunikator in jedem Falle eine Wirkung erzeugen.

Kausalität
„Der Inhalt der Kommunikation und die Richtung des Effekts (…) werden gleichgesetzt“ (Schenk, 1987, S. 24f). Das heißt, eine humorvolle Botschaft wird immer mit einer amüsierten Reaktion beantwortet, eine angsterregende Nachricht immer mit Panik und Schrecken.

Proportionalität
Die Wirkung ist nach dem S-R-Modell nicht nur in ihrer Form vorhersehbar, sondern auch in ihrer Intensität. Demnach gilt: je intensiver, anhaltender und direkter ein Stimulus auf den Rezipienten zielt, desto größer, spektakulärer und andauernder ist die Wirkung.

Kritik Cantril’s Untersuchung

Die These der Transitivität erwies sich als erstes als unhaltbar. Neben dem Faktum, dass nicht jede Kommunikation eine Absicht in sich trägt, die auf den Rezipienten zielt, um eine bestimmte Wirkung zu erzeugen, müssen auch nonsemantische und Meta-Kommunikation bedacht werden, die oft genug unbewusst ablaufen, und denen daher gar keine Absicht auf Kommunikator-Seite vorausgegangen sein kann. Auch die anderen beiden Grundannahmen mussten bald revidiert werden.

Die Annahme der Proportionalität wurde durch die Entdeckung des Reiz-Schwellenwertes außer Kraft gesetzt. Mit der Wiederholung eines Reiz tritt eine Übersummation ein, dass heißt, damit der Reiz weiterhin wirkt, muss seine Intensität ständig erhöht werden. Damit verändert sich die Wirkung ein und desselben Stimulus eben doch und die Theorie stimmt nicht mehr.

Es handelt sich also nicht um objektive Daten, sondern um subjektive Schlußfolgerungen in den Köpfen einer ausgewählten Gruppe. Die Massenpanik reduziert sich letztlich darauf, daß ein äußerst kleiner Zuhörerkreis durch die Sendung verunsichert war. Diese Studie ist auch ein illustratives Beispiel für die Begrenzung sog. qualitativen Vorgehens, bei dem nicht kritisch differenziert wird, wie Selbstinterpretationen kritisch zu gewichten sind. Sie entspricht eher dem Vorgehen eines Journalisten, der eine These aufgreift und diese durch Einbezug sog. Betroffener lebendig machen will. Dieses Vorgehen hat sicherlich didaktischen Wert und kann auch emotionalisieren, ist wissenschaftlich aber nur von eingeschränkter, nämlich nur für den Entstehungszusammenhang einer Hypothese geltenden Bedeutung; d.h. man kann damit angeben, was an Reaktionen prinzipiell denkbar ist, aber keine Aussage darüber machen, wie viele Menschen tatsächlich von einer Ereignisqualität betroffen sind.

Kann dies wieder passieren?

1944 wurde das Hörspiel in Chile adaptiert. Trotz es eine Woche vorher bereits als Hörspiel angekündigt wurde und zweimal während des Hörspiels wiederholt wurde. Tausende sind auf die Straßen oder haben sich in ihren Häusern verbarrikadiert. Der Kriegsminister ist telegrafiert worden.

1949 entschied sich Radio Quito das Hörspiel von Orson Wells für die Bevölkerung vom Equador zu übersetzen. Das Ergebnis war ein Aufruhr in dem die Radiostation nieder gebrannt wurde und dabei sieben Menschen getötet wurden. Dies geschah als Reaktion auf die Aufkärung durch die Moderatoren. Die Bürger fühlten sich verarscht und nahmen Rache.

Kann es auch in Zeiten des Internet wieder passieren?

Blair Witch Project

Schritt für Schritt säten Daniel Myrick und Edward Sanchez Gerüchte über das Verschwinden von drei Studenten in den Wäldern nahe Burkittsville und über die von der Polizei sichergestellten Amateuraufnahmen der Verschollenen. Um die Illusion perfekt zu machen, fälschten die Filmemacher Interviews, Polizeifotos sowie Nachrichtensendungen. Dieses Material wurde Häppchenweise der wachsenden „Fan-Gemeinde“ und den Medien zur Verfügung gestellt.

Das Timing spielte für den Erfolg der Blair-Witch-Kampagne eine besondere Rolle. Damit die Geschichte auch glaubwürdig erschien, mussten nicht nur alle Fotos und Augenzeugenberichte echt wirken, sondern auch der zeitliche Ablauf realistisch sein. Schon ein Jahr vor dem Dreh des eigentlich Films begannen die Jungregisseure deshalb, Informationen zu den Vorfällen unter die Leute zu bringen. Gleichzeitig teilten sie der Öffentlichkeit mit, dass sie mit der Rekonstruktion des brisanten Videomaterials beauftragt wurden. Ziel der Strategie war es, geschickt die kritischen Beaurteilungsmechanismen des Zielpublikums zu unterwandern.

Die viral Kampagne für „The Blair Witch Project“ begann am 15. August 1997. An diesem Tag sendete der unabhängige Fernsehsender „Independent Film Channel“ in der Show „Split Screen“ einen ungewöhnlichen Beitrag. In der knapp zehnminütigen Dokumentation berichtete der Sender von dem mysteriösen Verschwinden dreier College-Studenten in den Wäldern Marylands. Ebenefalls Erwähnung fand ein unheimlicher Hexenmythos, der mit dem Verschwinden der Studenten in Verbindung gebracht wurde.

Vier Monate vor dem Kinostart (16. Juli 1999) berichtete so gut wie jedes Printmedium sowie fast alle Fernsehsender über das Blair Witch Project.

Und im Web 2.0?


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