Theorie der Praxis
27. August 2008 | Von Tino Kreßner | Kategorie: BuchbesprechungPierre Bourdieu gilt in der Soziologie als Vermittler von Subjektivismus und Objektivismus. Er sieht diese als Modi theoretischer Erkenntnis, unzureichend zur Erklärung von Soziales und entwirft daraus seine „Theorie der Praxis“. Er analysiert wie Gewohnheiten, Ideale und Freizeitbeschäftigungen das Klassenbewusstsein ausdrücken. Er zeigt mittels empirischen Forschungen, wie sich Milieus durch feine Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweilig anderen Gruppen abgrenzen. In seiner zentralen These beschreibt er, dass es eine direkte Verbindung zwischen der Position im sozialen Raum und den Lebensstilen gibt. Lebensäußerungen, wie z. B. Nahrung, Kleidung, Religion und Wohnort sind nach Bourdieu direkt abhängig von der sozialen Zugehörigkeit. Änderungen im sozialen Raum spiegeln sich in einem veränderten Lebensstil wieder.
Informationen zum Autor Pierre Bourdieu
Grundlagen für Bourdieus Theorie
Subjektivistische Erkenntnisweise: Hier wird die soziale Welt als eine natürliche und selbstverständlich vorgegebene Welt verstanden. Sie bezieht sich auf den Erfahrungshorizont eines Individuums und wird daher auch als Mikrosoziologie bezeichnet. Es wird die praktisch erlebte Handlung eines Individuums im Sinne einer praktischen Auffassung der sozialen Welt betrachtet. Bourdieu sieht diese Erkenntnisweise als „wissenschaftliche Beschreibung der vorwissenschaftlichen Erfahrung“ . „Weil die Handelnden nie genau wissen, was sie tun, hat ihr Handeln mehr Sinn, als sie selber wissen.“
Objektivistische Erkenntnisweise: Betrachtet Soziales in distanzierter Form vom Willen und Bewusstsein der Akteure. Diese Ebene wird auch als Makrosoziologie bezeichnet, in der die Dinge zwar auf das Individuum wirken, aber „über“ diesem stehen.
Theorie der Praxis
Praxeologische Erkenntnisweise („Theorie der Praxis“): Zusammenführung von subjektivistischer und objektivistischer Erkenntnisweise. Die gesellschaftliche Praxis wird dabei aus der distanzierten Perspektive eines Unbeteiligten betrachtet. Die „Theorie der Praxis“ vermittelt zwischen den beiden sozialen Theorien.
Mit seiner Theorie des „Habitus“ und des „Sozialen Raumes“ wird die vermittelnde Rolle verdeutlicht. Als Grundlage beider Theorien dient ein von Marx differenziertes Verständnis vom Kapital.
Kapital
Ziel des sozialen Handelns der Akteure ist die Akkumulation des Kapitals. doch Bourdieu unterscheidet im Gegensatz zu Karl Marx vier Kapitalformen:
- ökonomisches Kapital: alle Formen des materiellen Reichtums: Vermögen, Einkommen und Eigentumsrechte. Bourdieu wertet hier die quantitative Verfügung über Geld und Einkommen. Bei Marx ist Kapital das Geld, was zur Erzeugung von weiterem Geld ausgelegt wird. Somit besitzt jeder ökonomisches Kapital.
- kulturelles Kapital: Wissen, Kultur, Ausbildungsnachweise (akademische Titel)
- soziales Kapital: Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Es resultiert aus der Nutzung eines dauerhaften Netzes von institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens. Existieren auf Grundlage von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen (Bsp: Worte, Geschenke, Frauen).
- symbolisches Kapital: Zusammenwirken der Kapitalsorten zu Prestige, Ruhm und Rang der Akteure in der Gesellschaft. Anerkennung des Kapitals im sozialen Feld.
„Die ungleiche Verteilung von Kapital, also die Struktur des gesamten Feldes, bildet somit die Grundlage für die spezifischen Wirkungen von Kapital, nämlich die Fähigkeit zur Aneignung von Profiten (…)“ (Bourdieu 1997: 221). Die jeweilige Anhäufung einer bestimmten Kapitalsorte des jeweiligen Akteurs entscheidet über seine Platzierung in der Gesellschaft. Die Bedeutung der Kapitalsorten variiert in verschiedenen Gesellschaftstypen (Klassen).
Die vier Kapitalsorten können ineinander umgewandelt werden. Zum Beispiel: Geld (ökon.) für einen Abendkurs (kult.); ökonomisch nichts einbringende Zeit für den Umgang mit einer anderen Person (soz.), Job (ökon.) durch gewisse Bildung (kul.).
Soziales Feld
Das soziale Feld umfasst die Gesamtheit der gesellschaftlichen Interaktionen und Konstellationen (u. a. Politik, Kultur, Wirtschaft), sowie deren Subfelder (u. a. Literatur, Schule). Die drei primären Kapitalsorten sind nur in einem spezifischen Feld wirksam. Das soziale Feld ist dabei eine Untergliederung des sozialen Raumes. Die Anzahl der Felder ist nicht eingeschränkt.
Feld der sozialen Beziehungen: Hier wird soziales Kapital akkumuliert. Es gilt als das älteste, stammend aus den vorkapitalistischen Agrargesellschaften, bei der die Konkurrenz um Ansehen und Ehre im Mittelpunkt stand.
Ökonomisches Feld: Entsteht aus der Verwendung von Geld als Kapital und durch die Existenz eines Staates, der die vertraglich eingegangen Verpflichtungen garantiert. Wie auch bei Marx soll hier Geld so eingesetzt werden, dass am Ende eines bestimmten Zeitraums mehr Geld raus kommt.
Kulturelles Feld: Entsteht aus der Verwendung von Schrift und der Bildung eines Schulsystems. In Konkurrenz stehen wissenschaftliche und/oder philosophische Leistungen.
Weitere Felder sind u.a.: Politisches Feld, wissenschaftliches Feld, bürokratisches Feld. Alle Felder sind von einer großen Dynamik gekennzeichnet, die nach Bourdieu als Kampffelder oder Spielräume zu verstehen sind. In jedem Feld gelten andere Spielregeln. Konflikte entstehen, wenn z. B. die Politik in die Wirtschaft eingreift.
Habitus
Als Habitus lässt sich die Werthaltung einer Klasse verstehen, der sich in ähnlichen Arbeitserfahrungen, Konsumptionsformen, Lebensperspektiven und -stilen ausdrückt. Innerhalb von gesellschaftlichen Strukturen lassen sich somit Angehörige sozialer Klassen kategorisieren. Ein bestimmter Habitus in einer Klasse begründet ein soziales Milieu. Nach dem zweiten Weltkrieg und mit der 68er-Bewegung wurde ein Wertewandel in Gang gesetzt. Transformation der Werte von Solidarität und Sicherheit nach Bildung, Selbstverwirklichung, Individualität und Authentizität. Dabei sind neun spezifische Milieus entstanden:
- Alternatives Milieu, Technokratisch liberales Milieu
- Hedonistisches Milieu, Aufstiegs orientiertes Milieu, Kleinbürgerliches Milieu
- Neues Arbeitnehmermilieu, Traditionsloses Arbeitnehmermilieu, Traditionelles Arbeitnehmermilieu
Unterschieden kann weiterhin nach elementaren Lebensbedingungen (opus operatum) und der Handlungsweisen (modus operandi)
- Opus operatum: Soziale Herkunft, sozialer Lebenslauf
- Modus operandi: Art zu denken, Sichtweisen auf die soziale Welt, Verhalten und Handeln in sozialen Situationen
Bourdieu sieht den Habitus als „Körper gewordene Sprache“. Durch ihm werden Denk- und Sichtweisen am menschlichen Körper sichtbar (Kleidung, Sprache, Geschmack, Konsumverhalten, …). Somit ist der Habitus eine klassenspezifisch erworbene, unbewusste Anpassung von Dispositionen, Verhaltensmuster und Einstellungen einer Person an das jeweilige soziale Umfeld (Milieu).
Der Habitus dient als Vermittlung von Struktur und Praxis, wobei nach vier Annahmen unterschieden werden kann:
- Inkorporationsannahme: verinnerlichte Gesellschaft
- Unbewusstheitsannahme: unbewusste spezifische Praxisstrategien
- Strategieannahme: Verfolgen von persönlichen Interessen
- Stabilitätsannahme: Frühkindliche Verhaltensmuster sind in wandelnder Umwelt prägend
Die durch den Habitus entstanden Handlungsmuster, Bewertungen und Einstellungen nennt Bourdieu „Geschmack“ . Dieser äußert sich in folgenden drei Bereichen
- Nahrung
- Kultur
- Selbstdarstellung
Klassen
Auch bei den Klassen grenzt sich Bourdieus Theorie von Marx ab und bezieht sich auf eine Untergliederung seines Modells eines sozialen Raumes. Grundlegend unterscheidet er nach:
Objektive Klasse: Ensemble von Akteuren, die homogenen Lebensbedingungen folgen. Sie ist definiert durch objektive Güter (Besitz) und inkorporierte Merkmale (Wissenstand, Habitusformen).
Mobilisierte Klasse: Ensemble von Akteuren, zum Kampf einer Bewahrung oder Veränderung der Verteilstruktur der Kapitalsorten unter den Klassen.
Innerhalb der Klassen können Individuen unterschieden werden nach:
- quantitatives Volumen des Kapitals
- Kapitalstruktur; Verhältnis des Besitzes der Kapitalsorten untereinander
- Zeitliche Entwicklung dieser Größen (Tendenz: Aufstieg oder Abstieg)
- sekundäre Teilungsprinzipien (Bsp: Geschlecht, Ethnie, Wohnort)
Klassen einer modernen Gesellschaft
- Bourgeoisie/Oberklasse (herrschende Klasse, Habitus: Legitimer Lebensstil)
Klasse mit Vorrang auf Reproduktion und Anhäufung ökonomischen Kapitals (Unternehmer)
Klasse mit Vorrang auf Reproduktion von kulturellen Kapital (Künstler, Intellektuelle) - Mittelklasse (Kleinbürgertum, Habitus des Strebens)
Klasse mit Hauptzweck der Anhäufung von ökonomischen Kapital (Handwerker, …)
Neue Mittelklasse durch neue Dienstleistungs- und Informationsberufe (Programmierer, Grafikdesigner, …) - Arbeiterklasse/Unterklasse/“Unterschicht“ (Habitus der Notwendigkeit):
Keine Strukturierung bei Bourdieu vorhanden
Revolutionen, Streiks und Bewegungen entstehen Bourdieus Meinung nach aus dem Konkurrenzkampf der Klassen. Ökonomisches und kulturelles Kapital bekämpfen sich.
Sozialer Raum
Der soziale Raum ist eine dreidimensionale Darstellung (Dimension des Kapitals, Kapitalstruktur, soziale Laufbahn) sozialer Strukturen, auf dessen Handlungsebene sich das soziale Feld befindet. Innerhalb des sozialen Raumes befinden sich Klassen, die sich durch ähnliche Positionen kennzeichnen. Das Individuum bewegt sich innerhalb des sozialen Raumes durch Investitionsstrategien und Ausbau einer Kapitalsorte.
Die Klassentheorie von Karl Marx (Objektivismus) wird durch eine „Wertedimension“ wie bei Max Weber (Subjektivismus) ergänzt. Für ihn gibt es kein Übereinander der Klassen, sondern ein dynamisches Feld, das durch ein Achsenkreuz zu allen Seiten offen ist. Die y-Achse zeigt die Ausprägung der Variable „Kapitalvolumen“, die x-Achse die Ausprägung der „Kapitalstruktur“. In diesem Raum kann somit jedes Individuum verortet werden. Bourdieu unterschied nach dem „Raum der sozialen Positionen“ und dem „Raum der Lebensstile“. Da beide direkt miteinander verbunden sind, können sie auch in einer Grafik dargestellt werden. Bourdieu nimmt an, dass Menschen mit ähnlichen Berufen einen ähnlichen Lebensstil pflegen und umgekehrt.
Beispiel:
Links oben: Hochschullehrer, Oper, klassische Musik, Museum
Rechts oben: Handwerksmeister, Industrielle, Golf, Cocktails, Champagner
Rechts unten: Landwirte, Fernsehen (RTL), Pommes Frittes
Links unten: Köche, Briefmarkensammler, Basteln
Quellen und weiterführende Informationen
Bücher
Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1987
Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1979Internet
Engagiertewissenschaft.de: Für eine engagierte Wissenschaft – Die letzte Rede von Pierre Bourdieu: www.engagiertewissenschaft.de/content/view/74/81, 7.01.2008Gess, Christopher: Kritik der Humankapitaltheorie unter spezieller Berücksichtigung des. soziologischen Ansatzes von Pierre Bourdieu:
www.kritiknetz.de/kritik_der_humankapitaltheorie.pdf, 7.01.2008Praxis Philosophie: Pierre Bourdieu:
www.praxisphilosophie.de/bourdieu.htm, 7.01.2008Soziologischen Ansatzes von Pierre Bourdieu:
www2.hu-berlin.de/skan/lehre/kultwiss/theorie_litkult_ws0102/thesenpapier_bourdieu.html, 7.01.2008Uni Graz: 50 Klassiker der Soziologie – Biografie Pierre Bourdieu:
agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/bourdieu/06bio.htm, 7.01.2008Zugeistreich: Kapitalbegriffe:
zugeistreich.wordpress.com/kapitalbegriffe, 7.01.2008Bildnachweis
(Porträt Pierre Bourdieu) Wikiepedia: Pierre Bourdieu
de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bourdieu, 7.01.2008(Der Soziale Raum) Margareta, Steinrücke: Piere Bourdieu: Politisches Forschen, Denken und Eingreifen.
VSA-Verlag, Hamburg, 2004
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